Was gehört eigentlich in ein IFAK – und gibt es überhaupt eine Liste, was darin sein MUSS?
Der Begriff IFAK (Individual First Aid Kit) ist inzwischen weit über das Militär hinaus verbreitet. Was ursprünglich aus dem militärischen Umfeld stammt, wird heute auch von Soldaten, Polizei, Sicherheitsdiensten, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und zunehmend auch von zivilen Personen genutzt.
Doch eine Frage taucht immer wieder auf:
Gibt es eigentlich eine verbindliche Liste, was in ein IFAK gehört - oder nicht?
Die kurze Antwort lautet: Nein. Eine verbindliche Liste existiert nicht.
Die längere Antwort ist jedoch deutlich interessanter.
Was ein IFAK eigentlich ist
Ein IFAK ist kein normaler Erste-Hilfe-Kasten.
Es handelt sich um ein persönliches Traumakit, das darauf ausgelegt ist, die häufigsten vermeidbaren Todesursachen bei schweren Verletzungen zu behandeln - insbesondere massive Blutungen.
Der Fokus liegt auf wenigen Maßnahmen, die unter Stress, mit wenig Zeit und oft unter gefährlichen Bedingungen durchgeführt werden müssen.
Das Konzept stammt aus der militärischen Verwundetenversorgung und ist stark geprägt durch die Prinzipien von Tactical Combat Casualty Care (TCCC) sowie im zivilen Umfeld Tactical Emergency Casualty Care (TECC).
Diese Konzepte konzentrieren sich auf sogenannte vermeidbare Todesursachen:
- Massive Blutungen
- Atemwegsprobleme
- Spannungspneumothorax
- Hypothermie / Schock
Ein IFAK enthält daher vor allem Materialien zur Behandlung genau dieser Probleme.
Warum es keine feste IFAK-Liste gibt
Es existiert keine universelle Liste, weil ein IFAK immer vom Einsatzprofil abhängt.
Einige Beispiele:
| Einsatzbereich | Typisches IFAK-Profil |
|---|---|
| Infanterie | Schwerpunkt Blutung + Thoraxverletzungen |
| Polizei / Spezialeinheiten | kompakt, oft Fokus Selbstversorgung |
| Rettungsdienst | ergänzend zum Fahrzeugmaterial |
| Sicherheitsdienst | Für Erstmaßnahmen je nach dem Einsatzgebiet |
| Zivil / Preparedness | vielseitig für Alltagsszenarien |
Ein weiterer wichtiger Punkt:
Ein IFAK ist kein Notfallrucksack.
Es muss kompakt, leicht und jederzeit am Mann tragbar sein oder in der Ausrüstung verstaut werden können, damit es sofort entnommen werden kann ohne das gesamte Gepäck auszuräumen. Deshalb konzentriert sich der Inhalt auf wenige, hochwirksame Komponenten.
Der faktische Standard: Der MARCH-Algorythmus
Auch wenn es keine offizielle Liste gibt, orientieren sich moderne IFAKs fast immer an das MARCH-Schema aus TCCC.
MARCH steht für:
- M – Massive Hemorrhage (massive Blutung stoppen)
- A – Airway (Atemweg sichern)
- R – Respiration (Thoraxverletzungen behandeln)
- C – Circulation (weitere Blutungen / Schock)
- H – Hypothermia / Head Injury
Ein sinnvoll aufgebautes IFAK sollte daher diese Punkte abdecken.
Typische Inhalte eines modernen IFAK
1. Tourniquet (Abbindesystem)
Das Tourniquet ist das zentrale Element eines IFAK.
Es dient dazu, lebensbedrohliche Blutungen an Extremitäten innerhalb weniger Sekunden zu stoppen.
Typische Beispiele sind:
Viele Anwender tragen mindestens ein Tourniquet zusätzlich außerhalb des IFAK, um es sofort griffbereit zu haben.
2. Hämostatische Wundauflage / Gauze
Für Blutungen in Körperregionen, bei denen kein Tourniquet eingesetzt werden kann, wird sogenannte Wound Packing Gauze verwendet.
Typische Produkte sind:
Diese Materialien unterstützen die schnelle Blutgerinnung und werden direkt in die Wunde mittels Woundpacking eingebracht. Moderne Hämostyptika wirken auch wenn der Patient Medikamente wie z.B. Marcumar oder Eliquis nimmt.
3. Druckverband / Emergency Bandage
Der Druckverband stabilisiert die Blutstillung indem dieser direkten Druck auf die verletzte Stelle ausführt.
Typische Varianten sind:
- Israeli Bandage / Emergency Bandage
- OLAES Bandage
Er zählt zu den vielseitigsten Komponenten eines IFAK. Anders als beim klassischen Druckverband aus der Erste-Hilfe benötigt man bei den moderen Trauma Bandagen kein zusätzliches Druckpolster und ist daher deutlich einfacher und schneller anzulegen.
4. Chest Seals (Thoraxpflaster)
Bei penetrierenden Thoraxverletzungen kann Luft durch die Wunde in den Brustraum gelangen und zu einem Spannungspneumothorax führen.
Chest Seals verschließen diese Öffnung und verhindern, dass weitere Luft eindringt.
Typische Produkte:
Viele Sets enthalten zwei Pflaster, da häufig Ein- und Austrittswunden vorhanden sind.
5. Rettungsdecke – Hypothermieprophylaxe
Ein häufig unterschätztes Problem bei Traumapatienten ist Hypothermie.
Schon bei moderatem Blutverlust kann der Körper schnell auskühlen – selbst bei relativ milden Außentemperaturen und sogar im Sommer. Hypothermie verschlechtert nachweislich die Blutgerinnung und den Schockzustand und kann den sogenannten Trauma-Triad of Death (Hypothermie, Azidose, Koagulopathie) verstärken.
Deshalb sollte eine Rettungsdecke zur Hypothermieprophylaxe nach Möglichkeit immer Bestandteil eines IFAK sein.
Sie hat mehrere Vorteile:
- extrem leicht und kompakt
- sehr günstig
- kann frühzeitig Wärmeverlust reduzieren
- erhöht die Überlebenschancen bei schweren Traumata
Gerade im taktischen Umfeld wird Hypothermie häufig unterschätzt – dabei ist sie ein entscheidender Faktor im Trauma-Management.
6. Handschuhe und kleine Tools
Kleine Komponenten, die jedoch entscheidend sein können:
- Nitrilhandschuhe
- Traumaschere
- ggf. Marker, um die Zeit eines angelegten Tourniquets zu notieren
- Combat Tape / Duct Tape
- Eye Shield
Diese Dinge ermöglichen überhaupt erst eine sichere und effektive Versorgung.
Was manchmal zusätzlich im IFAK ist
Je nach Ausbildung und Einsatzprofil können zusätzlich enthalten sein:
- Nasopharyngealtubus (NPA)
- Dekompressionsnadel
- Klebeband
- zusätzliche Kompressen
- kleine Verbandmaterialien
Wichtig dabei:
Nur Material mitführen, dessen Anwendung man beherrscht.
Ein IFAK sollte nicht zum Mini-Krankenhaus werden.
Ein häufiger Fehler: Das überladene IFAK
Gerade im zivilen Bereich sieht man häufig Kits mit:
- vielen Pflastern
- Desinfektionstüchern
- Sprühverbände
- allerlei Kleinteilen
- Pulsoximeter
Das Problem:
Ein IFAK ist kein klassischer Erste-Hilfe-Kasten.
Sein Zweck ist es, die wenigen Maßnahmen zu ermöglichen, die unmittelbar Leben retten können, bis weitere professionelle Hilfe eintrifft.
Die wichtigste Regel für ein IFAK
Der Inhalt ist wichtig – aber noch wichtiger ist Ausbildung.
Material ohne Training hilft wenig.
Dazu gehören vor allem:
- Tourniquet korrekt anlegen
- Wound Packing durchführen
- Druckverband anlegen
- Thoraxverletzungen erkennen
- Hypothermie frühzeitig verhindern
Die meisten der hier aufgeführten Punkte, lernt ihr auch in unseren monatlichen kostenfreien Trainings zur Versorgung kritischer Blutungen.
Fazit
Es gibt keine universelle Pflichtliste für ein IFAK.
Dennoch hat sich international ein klarer inoffizieller Standard etabliert.
Ein sinnvoll ausgestattetes IFAK enthält mindestens:
- Tourniquet
- Hämostatische Gauze
- Druckverband
- Chest Seals
- Rettungsdecke zur Hypothermieprophylaxe
- Handschuhe
Alles Weitere hängt von Einsatzprofil, Ausbildung und verfügbarem Platz ab.
Am Ende gilt:
Das beste IFAK ist das, das man tatsächlich dabei hat – und dessen Inhalt man unter Stress sicher anwenden kann.





